Die Geschichte
der ROKAL-TT Modelleisenbahn

von Manfred Albersmann


Was ist TT?


12 mm bedeutete "TT" - die Abkürzung für "table top". Sucht man nach diesem Begriff in einem englischen Wörterbuch, so findet sich die Übersetzung "Tischplatte". Tischplatte - Modellbahn? Um "table-top" mit der Modellbahn in Verbindung zu bringen, muss man sich eine ganze Kette von Begriffen hinzudenken. Zum Beispiel so: Modellbahn - Wohnung - Zimmer - Platzproblem - Gleise (nicht zu wenige) - Vorbildtreue - Kleinheit - wenig Krieg mit der Ehefrau etc.; all das steckt in "table top", denn die "TT-Bahn" beinhaltete schon jahrzehntelange Erfahrungen mit den großen Spuren und dort gab es Platzprobleme. Und wollte der Modellbahner auf eine hinreichend vorbildgetreue Anlage nicht verzichten, so musste er auf kleine Nenngrößen ausweichen. Die kleinste Größe überhaupt war Ende der dreißiger Jahre H0. Aber Tischplatten-Anlagen, die befriedigen konnten, waren in diesem Maßstab noch nicht möglich, dazu musste ein weiterer Schritt getan werden, eben jener zu TT.

Der englische Name der TT-Bahn deutet auf eine Herkunft aus dem angelsächsischen Sprachraum. Hin und wieder ist zu lesen, die TT-Bahn stamme aus den USA. Wann die allererste TT-Bahn gebaut wurde, ist nicht ganz nachvollziehbar. Die ersten handelsüblichen Modelle sind jedenfalls 1945/46 in den USA erschienen. 1947 betrug der Marktanteil der TT-Bahn in den USA rund 0,6 %. Der Name für die neue Spur stammte demnach aus den USA, er wurde von Harold L. Joyce (1891 - 1984) kreiert. Der Maschinenbau-Ingenieur beschäftigte sich schon in den zwanziger Jahren mit dem Modellbahn-Hobby. Während des Zweiten Weltkrieges entwickelte er seine Bahn soweit, dass sie ab 1946 serienreif war und ab Oktober desselben Jahres unter dem Namen seiner Firma "H.P. Products Inc." vertrieben werden konnte. Joyce strebte eine Modellbahn und keine Spielbahn an. 1950 bezeichnete sich Joyce in einem Zeitschriften-Artikel als Vater der TT-Bahn. Er reagierte mit dieser Aussage auf die beginnende TT-Produktion bei Rokal.

Wie in vielen Fällen, so ist es auch bei der TT-Modellbahn schwierig, endgültig festzustellen, wer sie wirklich erfunden hat. Joyce produzierte in erster Linie handwerklich, es handelte sich also um keine Großserienproduktion im industriellen Maßstab, wie sie Rokal begann, was jedoch für die Urheberschaft nicht ausschlaggebend wäre. Aber: Es ist völlig unerheblich, wenn irgendein Techniker irgendwo auf der Welt ein Produkt entwickelt, ohne letztlich patentrechtlichen Schutz einzufordern. Zwischen Joyce und Rokal kam es aber zu keinem Patentrechtsstreit. Joyce erreichte oder erstrebte einen solchen Schutz offenbar überhaupt nicht. Im Übrigen wäre es nicht ausreichend, eine Spurweite (12 mm), einen Maßstab (1:120) und einen Namen (TT) schon zur vollständigen Modellbahn zu erklären. So hatte auch Hans Thorey, ein Ingenieur, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Göppingen lebte, schon in den dreißiger Jahren eine 12-mm-Bahn entwickelt. Thorey veröffentlichte hierüber auch verschiedene Artikel. Seine Pläne scheiterten daran, dass er keine geeigneten Motoren für die Lokomotiven fand und ihm darüber hinaus die finanziellen Mittel fehlten. Von Hans Thorey wird jedoch an späterer Stelle noch zu berichten sein.

Die TT-Bahn hat also nicht nur einen, sondern mehrere Erfinder, die etwa gleichzeitig am selben Problem arbeiteten. Solche Parallelentwicklungen sind in der Technik alles andere als ungewöhnlich. Die Tatsache, dass in den allerersten Nachkriegsjahren, also zwischen 1946 und 1949, in Deutschland zumindest drei 12-Millimeter-Bahnen unabhängig voneinander entstanden, deutet darauf hin, dass die Zeit für die Entwicklung ganz einfach reif war. Zudem ist es sehr fraglich, ob die deutschen Produzenten von den amerikanischen Erzeugnissen überhaupt mehr wussten, als dass es sich um eine 12-Millimeter-Bahn im Maßstab 1:120 handeln sollte. Die Hersteller der Bahnen, die deutlich als Nenngröße "TT" gekennzeichnet waren, wussten zumindest, dass eine solche Bezeichnung existierte. Grundlegende Informationen über solche Fragen konnten allenfalls durch die seit 1946 wieder sporadisch erscheinenden, einheimischen Modellbahn-Publikationen übermittelt werden.

In den ersten Nachkriegsjahren kamen in Westdeutschland zahlreiche Spielzeugbahnen von bis dahin völlig unbekannten Herstellern auf den Markt. Kennzeichnend für alle diese ersten Modellbahnen ist, dass die Firmen sie binnen kürzester Zeit entwickelt hatten. Die Unternehmen wollten die zu dieser Zeit herrschenden Lieferschwierigkeiten der Traditionsfirmen wie Märklin, Trix und Fleischmann ausnutzen, um stattdessen neue Produkte - meist auch viel niedrigeren Preisen - anzubieten.

Erster europäischer Vorfahr der TT-Bahn war eine ab 1945 von der Schweizer Firma Wesa hergestellte Spielbahn, die auf 13-Millimeter-Schienen fuhr. Es handelte sich freilich um recht grob detaillierte Fahrzeuge. Ein Jahr später boten die in Freiburg (Breisgau) ansässigen Lytax-Werke eine erste deutsche 12-Millimeter-Bahn an. Im Unterschied zur ebenfalls 1946 gebauten, amerikanischen TT-Bahn handelte es sich um ein komplettes 12-mm-Bahnsystem mit Lokomotiven, Wagen, Weichen, Oberleitung und elektrischer Steuerung. Diese "Comet-Bahn" der Firma Lytax fällt vor allem wegen einiger technischer Details aus dem Rahmen. Es handelte sich um eine Bahn, die grundsätzlich im Oberleitungsbetrieb fuhr. Die einzigen hergestellten Triebfahrzeuge waren eine schweizerische Ce 6/8 (Krokodil), eine Re 4/4 (die erste Vorbildmaschine stammt aus dem Jahr 1946) und ein treiteiliger Triebwagen ohne konkretes Vorbild mit angetriebenem Mittelteil. Durch Aufspaltung des Wechselstroms in zwei pulsierende Gleichströme war mit der Lytax-Bahn sogar Zweizugbetrieb möglich. (Es war klar, dass bei der 12-mm-Spur kleine und kleinste Einzelheiten in der Ausführung der Wagen und Loks kaum mehr wiedergegeben werden konnte. Die einfache, aber ansprechende und jedenfalls maßstabgetreue Linienführung des rollenden Materials richten bei der Lytax-Kometbahn den Blick auf die Gesamtform und rückt die technische Seite mehr in den Vordergrund (MIBA 8/1948/49)) Lytax stellte jedoch nur 40 Zugpackungen her. Schon 1948 endete die Produktion, die wohl ausschließlich für die Schweiz bestimmt war.

Die ab 1947 gebaute Löhmann-Präzix-Bahn der im selben Jahr in Stuttgart gegründeten Firma "Präzix-Erzeugnisse Alfed Löhmann" war eine einfache Spielzeugbahn auf 12-Millimeter-Gleisen. Die Präzix-Bahn beruhte auf dem mit Wechselstrom betriebenen Dreischienen-Zweileitersystem, wie es von Märklin bekannt ist. Die Firma Löhmann ging nach ihrem Konkurs in 1949 in der "Europa-Spielwaren GmbH" auf, welche die Produktion bis 1954 weiterführte. Probleme bei der Metallbeschaffung schein Alfred Löhmann nicht gehabt zu haben: Loks und Wagen bestanden vollständig aus Metall-Druckguss, ab 1949 waren auch die Gleise mit einer Metallbettung versehen.

Die nächste TT-Bahn entstand unter der Obhut der Auffanggesellschaft für Löhmann-Präzix, der schon erwähnten Europa-Spielwaren GmbH. Diese Firma übernahm das Gleismaterial von Löhmann; bei der Europa-Bahn handelte es sich also wieder um eine bester württembergischer Tradition entsprechenden Wechselstrombahn mit Mittelleiter. Der Vertrieb der Europa- und Präzix-Bahn lief bis 1954 weiter. Der schleppende Verkauf brachte dann aber das Ende der Stuttgarter TT-Produktion. Bemerkenswert ist, wer die Europa-Bahn ab 1948 vertrieb: Artur Braun, Gründer der Firma Brawa.

In Westdeutschland blieb der Maßstab 1:120 nach dem ROKAL-Ende ds Arbeitsgebiet einiger rühriger Gruppen von Individualisten, die 1977 auch den "Arbeitskreis TT" gründeten. Die Nenngröße war in Westdeutschland nurmehr ein "Geheimtipp", man konnte sicher sein, daß TT in Westdeutschland restlos verschwunden wäre, hätte es nicht im Osten Deutschlands einen wichtigen Großserien-Hersteller für diesen Maßstab gegeben: Zeuke & Wegwerth.

Selbst in England war die "Spur der Mitte" nicht gefragt. Beeinflußt von den ROKAL-Erzeugnissen begann die Firma Triang (später Triang-Hornby) 1957 mit der Nenngröße TT. Nach einigen Anfangserfolgen stockte jedoch der Verkauf. Die Firma führte das Programm noch bis 1967 weiter. 1968 erfolgte nur noch ein Resteverkauf. Daneben beschäftigte sich in England auch einige kleinere Firmen mit der Herstellung von Fahrzeugen im Maßstab 1:120, so zum Beispiel GEM Model Railways und Rosebud Kitmaster Ltd.


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